|
weiter
Wir
schreiben das Jahr 2050, der Big-Mac darf nur noch auf Rezept verkauft
werden und die Fernsehgeräte zappen sofort nach dem Einschalten vollautomatisch
durch alle Programme. Eines schönen Tages erinnern sich einige Menschen
daran, welchen Spaß ihre Vorfahren in deren Kindheit mit dem Bauen
und Fliegen von Papierflugzeugen gehabt hatten. Sie besorgen sich Papier
und beginnen zu knicken und zu falten, entwickeln neue Formen und Dimensionen
und haben großen Spaß daran, ihre Produkte fliegen zu lassen.
Immer mehr Menschen finden Gefallen an der Papierfliegerei, es entstehen
spezielle Papierflugzeugläden, in denen man fertige Flugzeuge in unterschiedlichsten
Größen und Formen sowie die verschiedensten Papiersorten zum
Selberbauen kaufen kann. Denn Papier ist nicht gleich Papier, bei der Auswahl
des Materials gilt es auf mannigfaltige Kriterien wie Haltbarkeit, Gewicht,
Knickbarkeit, Reißfestigkeit, Beschichtung, Farbe u.v.m. zu achten.
Großer Beliebtheit erfreut sich eine Papiersorte namens Ralvek, welche
nahezu unverwüstlich ist, allerdings den Nachteil hat, daß die
Knickkanten rasiermesserscharf sind und bei Kollisionen in der Luft andere
Papierflugzeuge zerschneiden.
Immer
mehr Papierflugzeug-Liebhaber treffen sich in ihrer Freizeit auf der Wiese,
Clubs und Vereine werden gegründet, Papierflugzeug-Festivals und Wettbewerbe
werden veranstaltet und die technische Weiterentwicklung der Papierflugzeugmodelle
nimmt einen rasanten Verlauf. Mechanische Knickhilfen werden entwickelt,
die anfänglichen Versteifungsröhrchen aus gerolltem Papier weden
durch industriell gefertigte Stabilisatoren aus immer neuen Materialien
ersetzt, es gibt aufklebbare Papierflugzeugnasen, Flügelspitzen, Abströmflächen
und ähnlich nützliches Zubehör in den verschiedensten Ausführungen,
kurzum, es hat sich ein eigenständiger Papierflugzeugmarkt entwickelt.
Es gibt sogar eine Fachzeitschrift, das PaMa, welche im ganzen Land verbreitet
ist.  weiter
Bei
einem der vielen Papierfliegerfeste stand eines Tages ein kleiner, alter
Mann in respektvollem Abstand am Rande des Flugfeldes. Voller Bewunderung
betrachtete er das bunte Treiben in der Luft und in ihm erwuchs der Wunsch,
auch so ein tolles Papierflugzeug zu besitzen, um dabei sein zu können.
Also begab er sich zu einem der Papierflugzeug-Verkaufsstände, die
sich rund um das VIP-Zelt gruppierten und kaufte sich eines der angebotenen
Papierflugzeuge. Voller Besitzerstolz mischte er sich unter die anderen
Papierflugzeug-Piloten, die in kleinen Grüppchen auf dem Flugfeld
standen und gegenseitig ihre Modelle begutachteten. Zu seinem Erstaunen
fand seine Neuerwerbung überhaupt keine Beachtung, nach kurzem Blick
wendete man sich mit Bemerkungen wie "ach so, fertig gekauft" wieder ab.
Als seine Neuerwerbung beim Jungfernflug ein anderes Papierflugzeug streifte,
tönte eine Stimme: "Ey, kannste nich aufpassen, wo du mit deinem Scheiß-Teil
hinfliegst?!"
Verstört
machte er sich auf die Suche nach seinem Papierflugzeug-Verkäufer
um ihn zu fragen, ob er sich vielleicht das falsche Modell gekauft habe.
Dieser hatte jedoch im Augenblick keine Zeit, zusammen mit einigen anderen
war er damit beschäftigt, unter donnerndem Applaus der Zuschauer das
neueste Fluggerät eines aus dem Ausland angereisten Papierflugzeugbauers
zu starten. Da dieses Superteil eine Spannweite von 16 Metern hatte, ließ
es sich nicht vermeiden, daß es einige andere, kleinere Modelle vom
Himmel holte. Der alte Mann war sehr verwundert, daß diese Tatsache
keine abfälligen Bemerkungen zur Folge hatte, sondern eher für
eine gewisse Heiterkeit sorgte. weiter
Also
faßte er sich ein Herz und fragte den Papierflugzeug-Verkäufer,
was denn mit seinem neugekauften Papierflugzeug nicht stimme. Er bekam
zur Antwort, daß auf solchen Papierflieger-Festivals eigenlich üblicherweise
selbstgebaute Papierflugzeuge geflogen würden, um Zuschauern und Sponsoren
die ganze Bandbreite dieses faszinierenden Hobbys vorführen zu können.
Aha, dachte der alte Mann und fragte ganz schüchtern: "Aber warum
verkaufst Du dann fertige Papierflugzeuge?" Er bekam zur Antwort, daß
eben nicht jeder die Zeit und das Geschick hätte, sein Papierflugzeug
selbst zu bauen und deshalb gäbe es fertige Flugzeuge zu kaufen, damit
auch solche Leute die ganze Bandbreite dieses faszinierenden Hobbys erleben
können. Das leuchtete dem alten Mann ein und da er sowohl Zeit hatte,
als auch glaubte, nicht ganz ungeschickt zu sein, besorgte er sich Baumaterial
und einen Papierflugzeug-Bauplan, begann emsig zu knicken und zu falten
und war überglücklich, als sein fertiges Produkt majestätisch
durch die Lüfte schwebte. Zufrieden mit sich und der Welt legte er
sein Papierflugzeug auf der Wiese ab und begab sich zum Getränkestand.
Bei
seiner Rückkehr fand er eine Anzahl von Papierflugzeug-Piloten um
seinen Eigenbau versammelt und hörte Sätze wie: "Ach du meine
Güte, total schiefe Knickkanten!", Total veraltete Papierversteifung",
"So ein Schwachsinn, Flügelspitzen ohne dreifach gewendeltes,
schockgefrostetes Titan-Papier" und "wer`s nicht draufhat, sollte sich
halt besser `nen Fertigflieger kaufen!"
Verzweifelt
murmelte der alte Mann: "Aber es f l i e g t doch!"      weiter
Traurig
setzte er sich auf die Wiese und zupfte gedankenverloren an seinem Papierflugzeug
herum, als ihm urplötzlich eine Idee durch den Kopf schoß: da
war doch mal was, vor vielen, vielen Jahren, damals, als er noch ganz klein
und der Big-Mac noch frei verkäuflich war und man die Fernsehsender
noch mühsam mit der Hand durchzappen mußte.....
Aufgeregt lief er zu seinem Auto
und kramte im Kofferraum herum, bis er eine Schere, einen Filzstift und
eine Rolle mit Schnur zu Tage gefördert hatte. Er faltete sein Papierflugzeug
auseinander, dachte angestrengt nach, zeichnete einige Striche auf den
Papierbogen, schnitt hier und da etwas ab, veränderte die Versteifungsröllchen
und befestigte ein Stück Schnur daran. An dieser band er nun das Ende
der Schnur auf der Rolle fest, wickelte ein Stück ab und hielt das
Papiergebilde hoch in die Luft, wo es vom Wind erfaßt wurde. Nun
wickelte er stetig Schnur ab und siehe da, das Papiergebilde stieg höher
und höher in den Himmel, bis es weit über allen Papierflugzeugen
stand.
Im Nu
war der alte Mann von staunenden Papierflugzeug-Piloten umringt. Die hatten
so etwas zwar noch nie vorher gesehen, trotzdem stellten einige von ihnen
umgehend Überlegungen an, wie man es verbessern könne. Manche
meinten, daß man das Ding erstmal radikal vergrößern müsse,
andere rechneten herum, was es bringen würde, so etwas in Großserie
zu produzieren und wie man es am geschicktesten vermarkten könne und
wieder andere fanden es in der bestehenden Form irgendwie zu popelig, so
ganz ohne high-tech und Schicki-Micki-Zubehör.
weiter
Alle
redeten heftig gestikulierend aufeinander ein, nur der alte Mann stand
abseits und weinte bitterlich, während er die Schnur seines Drachens
abschnitt, so daß dieser unwiederbringlich in der Weite des Himmels
entschwand.....
|